Mission possible I – Das Portrait



Als Internet-Sprecher ehrenhalber soll der Berliner Werbeunternehmer Thomas Heilmann die CDU
New Economy-tauglich machen. Ein Auftrag mit vielen Hürden und einigen Fallen – und doch nicht unmöglich.

Als kommunikative Allzweckwaffe zum Thema Internet will er auf keinen Fall zum Einsatz kommen. Und so
zählt Thomas Heilmann, auf die Frage, was eigentlich zu den Aufgaben eines Internet-Sprechers gehört, erst
einmal eine lange Liste auf von Fragen, zu denen man von ihm bestimmt keine Antwort bekommt: Wie gewinnt
die CDU den Online-Wahlkampf 2002? Wie bessert man mit E-Commerce die leckgeschlagene Parteikasse
auf? Welchen ICANN-Kandidaten favorisiert die CDU? Wie macht man den Ortsvereinen das Internet
schmackhaft? Werden die CDU-Mitglieder ihren Kanzlerkandidaten 2002 online wählen?

Empfehlungen ja, öffentliche Statements keine, aber natürlich spricht er “auch mal mit den entsprechenden Entscheidern im
Fahrstuhl”, aber Mr. Internet der Christdemokraten will der neue Amtsträger, der im Hauptberuf
geschäftsführender Gesellschafter der Werbeagebtur Scholz & Friends ist, partout nicht sein. Kein Frage,
der Internet-Missionar ehrenhalber hat das ABC des Polit-Betriebes schnell gelernt: Bloß den Ball flachhalten.
Wenn der Mann eine Sportskanone wäre, dann würde er aus der Abwehr Tore schießen. Im Sturm sollen lieber
andere stehen. Aus der New Economy-Praxis weiß der Mitbetreiber des Berliner Incubators Econa AG
schließlich sehr genau, daß aus zehn guten Geschäftsideen nur eine auch ein Bomben-Geschäft wird und übt
sich deshalb in Geduld.

Doch unterschätzen sollte man ihn wegen seiner Zurückhaltung nicht. Die Vita des 35jährigen liest sich wie
eine gesamtdeutsche Bilderbuchkarriere, die ihn für die Hauptrolle in einem CDU-Spot prädestiniert: Von der
deutschen Einheit in den fernen USA überrascht, beschließt Heilmann zusammen mit seinen beiden Kreativ-
Mitstreitern Olaf Schumann und Sebastian Turner zur ersten Aufbaugeneration des Ostens zu werden und
gründet im April 1990 in Dresden die Werbeagentur Delta Design. Wenige Monate später und dank
“unglaublichen Glücks” (Heilmann) erfolgt die Fusion mit dem etablierten Player Scholz & Friends und
Heilmann wird Geschäftsführer im neuen Berliner Domizil. Heute machen die Neuen Medien bereits die Hälfte
des Umsatzes seiner Firmen aus.

Erst seit Anfang Mai im Amt, hat der rethorisch versierte Werbeexperte bereits einen wichtigen Erfolg erzielt:
Mit vielen guten Argumenten bearbeitete er die Parteioberen so lange bei der Green-Card-Frage, bis sogar die
CSU eine 180 Grad-Wende vollzog und kurzerhand die Blue-Card für ausländische IT-Experten mit Wunschziel
Bayern zu ihrem Anliegen machte. “Da musste ich gar nicht mehr nachtreten, der Ball ist irgendwann von alleine
ins Tor gerollt”, erklärt er heute zu seinem ersten Amtserfolg betont bescheiden. Kein Wunder, dass in seiner
Firma eine Kampagne für die Zeitung mit den klugen Köpfen dahinter zum Hit geworden ist. Siegen ohne
aufzutrumpfen, lautet die Devise und damit bleibt Heilmann wahrscheinlich das Schicksal eines Beinahe-
Wirtschaftsministers Jost Stollmann erspart: Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet. Ebenso bescheiden
deshalb auch die selbstgesteckten Ziele: Mit einer frischgekürten 19köpfigen Internet-Kommission aus
parteiinternen und externen Experten (u.a. Prof. Dagmar Schipanski, Matthias Wissmann) will Heilmann
bis zum Sommer 2001 ein Entwicklungsprogramm zur New Economy verfassen. Zentrale Themen sind:
Bildungs- und Wirtschaftspolitik, wobei steuerrechtliche Fragen und die Möglichkeiten der Standortförderung
im Vordergrund stehen. Dass viele Köche bekanntlich den Brei verderben, ist dem externen Kommunikationsprofi
natürlich bewusst und dennoch hofft er, dass seinem Werk die übliche Tour de Force durch diverse Parteigremien
und -ausschüsse erspart bleibt bis am Ende nur noch ein Konvolut an Banalitäten übrigbleibt. Doch egal, was
unter Heilmanns Ägide zu Papier gebracht wird, in der Oppositionsrolle entfällt der Zwang zur Umsetzung und
deshalb sind originelle Ideen und innovative Konzepte schneller formuliert.

Doch ohne Hausmacht, Stallgeruch und weitreichende Befugnisse ausgestattet, bleibt dem externen Experten
nur die Kraft des Arguments. Pointiert Akzente setzen statt mit markigen Forderungen zu polarisieren, lautet
seine Arbeitsdevise. Verwickeln lassen will er sich jedoch auf keinen Fall in “parteitaktische Fragen”, auch wenn
er sich im Parteigeschäft “neuen Regeln” unterworfen sieht, “die ich jetzt erst im Crash-Kurs lerne”, so Heilmann.
Mit der Parteichefin, die er “wegen ihr offenen Art und Intelligenz” sehr schätzt, verbindet ihn die gleiche Mission: Ein
Ruck soll durch die CDU gehen, ohne dass gleich alle Gelenke knacken. Als belehrender Internet-Missionar will
Heilmann dabei jedoch nicht auftreten: “Die Aufgeschlossenheit gegenüber den Neuen Medien ist sowohl an der
Parteispitze wie auch an der Basis heute schon enorm”, resümiert er das Feedback der ersten Wochen, das
vor allem per Mail zu ihm gelangt. Den Internet-Guru braucht er deshalb gar nicht erst zu geben.

Für den Job qualifiziert ihn nach koketter Selbstaussage, daß er “wie Boris Becker drin ist”, die Jobofferte hat er
deshalb standesgemäß per E-Mail bekommen, ansonsten ist er aber ein sehr analoger Mensch, der seine
Anzüge lieber auf Geschäftsreisen kauft als im Internet. Seine Sicht auf das Medium ist eine pragmatische –
kein mystischer Zauber, keine Renaissance des athenischen Zeitalters. Der Internet-Unternehmer Heilmann
will unternehmerfreundliche Politik für die New Economy machen und transferiert dabei die Erfahrung des
Geschäftsalltags in das neue Aufgabenfeld – den berufsbedingten Riecher für die Trends von morgen
miteingeschlossen. Als studierter Rechts- und Steuerexperte stürzt er sich deshalb viel lieber in die Details der
Bemessungsgrundlage für das Engagement von Business-Angels bei Start-ups als allgemeine Reden vom
digitalen Segen zu schwingen.

Wie 1989 ist dem “stillen Parteimitglied” (Heilmann) auch bei der neuen Aufgabe wieder das Glück der Stunde
hold: Mit Angela Merkel bläst ein kräftiger Reformwind durch die Partei und ein findiger Trendscout wie er ist in
einer solchen Phase der Rekonvaleszenz immer heißbegehrt. Parteiinterne Konkurrenz droht ihm auch nicht,
denn bislang hat keiner der christdemokratischen Spitzenpolitiker sich das Neue Medium zum Leib- und
Magenthema gemacht. Der Oppositionskonkurrent FDP ist im Bezug auf die New Economy ebenso
konzeptionslos wie der Koalitionspartner Bündnis’90/ Die Grünen bei der Frage multimedialer Bildung.
Leichtverdiente Lorbeeren also für Heilmann. Eine feste Vertragslaufzeit hat er für seine Aufgabe nicht
bekommen, aber er hofft, dass in einem Jahr das Wichtigste auf den Weg gebracht ist und weiß dabei
um die Verschleißkraft bei politischen Impulsgebern von außen. Ein Jobangebot als Internet-Minister in einem
Kabinett Merkel hält er jedenfalls für “absolut unrealistisch”. Er setzt auf die konzertierte Aktion von beschränkter
Dauer statt des zähen Gangs durch die Institutionen. Nach neuen Aufgaben wird der Tausendsassa sich aber
nach der E-Transformation der CDU bestimmt nicht umsehen müssen. Denn sicherlich wartet dann bereits die
nächste Mission, wenn es wieder heißt: Heilmann, impulsieren sie.

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